Autorius: RT Šaltinis: https://de.rt.com/meinung/2931... 2026-09-29 19:42:00, skaitė 55, komentavo 0
EU pokert mit Russlands Energie – jetzt droht der Diesel-Schock aus Amerika
Von Hans-Ueli Läppli
Europa hat bei seiner Energiepolitik nicht besonders weit vorausgedacht. Die EU wollte die Abhängigkeit von Russland beenden, kappte russische Energieimporte und setzte darauf, die fehlenden Mengen auf dem Weltmarkt zu ersetzen. Das funktionierte, solange genügend Lieferanten, freie Transportwege und bezahlbare Energie vorhanden waren. Doch Energieversorgung ist keine Excel-Tabelle. Es gibt keine Garantie, dass Tanker jederzeit ankommen, Raffinerien auf voller Leistung laufen oder die USA Europa im kritischen Moment mit Diesel versorgen. Genau diese Selbstverständlichkeit könnte sich nun rächen.
Russischer Diesel ist weitgehend vom europäischen Markt verschwunden. Die Lieferungen aus dem Nahen Osten stehen durch den Iran-Konflikt und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus unter Druck. Die europäischen Dieselbestände sind bereits niedrig, während die Raffinerien weitgehend ausgelastet sind. Europa hat damit weniger Puffer, als es für eine komfortable Vorbereitung auf die Heizsaison bräuchte. Und ausgerechnet jetzt gerät die wichtigste verbliebene Ersatzquelle unter politischen Druck. Die Vereinigten Staaten.
Donald Trump unterstützt die Idee, die US-Diesel-Exporte zu beschränken oder zumindest vorübergehend zu stoppen. Ein vollständiges Verbot ist noch nicht beschlossen, doch die Diskussion allein zeigt, wie fragil Europas neue Energieversorgung geworden ist. Im August kamen erhebliche Mengen amerikanischen Diesels nach Europa und Großbritannien. Die USA sind damit längst nicht mehr bloß ein zusätzlicher Lieferant, sondern eine wichtige Stütze des europäischen Marktes. Wenn Washington diese Mengen plötzlich im eigenen Land halten will, muss Europa den fehlenden Diesel anderswo auftreiben. Das Problem ist nur, dass auch der Rest der Welt keine unbegrenzten Reserven besitzt.
Hier zeigt sich die Schwäche der europäischen Strategie. Die EU konnte russische Energie politisch aus dem System drängen, aber sie konnte damit nicht die physische Abhängigkeit von Energieimporten beseitigen. Aus Russland wurde Amerika, aus langfristig relativ planbaren Lieferungen wurde ein globaler Spotmarkt, und aus einer Abhängigkeit von einem großen Anbieter wurden Abhängigkeiten von mehreren Lieferanten, Transportwegen und geopolitischen Krisen. Das mag in ruhigen Zeiten funktionieren. Sobald mehrere Störungen auftreten, wird daraus ein Problem.

Russland-Sanktionen mit Boomerang-Effekt: Jetzt wird Europas Diesel knapp.
Beim Diesel könnte sich das besonders schnell bemerkbar machen. Selbst wenn es nicht zu leeren Tankstellen kommt, reicht ein kräftiger Preisanstieg, um die gesamte Wirtschaft zu treffen. Diesel ist nicht nur Treibstoff für Autos. Lastwagen, Landwirtschaft, Bau, Logistik und zahlreiche industrielle Prozesse hängen davon ab. Höhere Dieselpreise werden deshalb entlang der gesamten Lieferkette weitergegeben. Was am Anfang wie ein Problem des Energiemarktes aussieht, landet am Ende bei Transportkosten, Lebensmittelpreisen und der Inflation.
Noch unangenehmer wird die Lage beim Gas. Auch dort sind die europäischen Speicher weniger komfortabel gefüllt als in manchen früheren Jahren. Der außergewöhnlich heiße Sommer hat die Nachfrage nach Strom erhöht und damit teilweise auch den Gasverbrauch belastet. Europa musste die Speicher wieder auffüllen, während russische Lieferungen weitgehend fehlen. Damit bleibt weniger Spielraum, wenn die Nachfrage im Winter plötzlich stärker steigt als erwartet.
Darauf sollte sich die europäische Politik eigentlich vorbereiten. Ein milder Winter wäre hilfreich, aber eine Energieversorgung darf nicht davon abhängen, dass das Wetter freundlich bleibt. Wer seine Energiepolitik auf den günstigsten und günstigstenfalls verfügbaren Lieferstrom ausrichtet, muss auch erklären können, was passiert, wenn der Winter kälter wird, Tanker ausbleiben, Raffinerien ausfallen oder ein großer Exporteur seine Prioritäten ändert. Die vergangenen Jahre haben genug Beispiele dafür geliefert, dass solche Szenarien keineswegs theoretisch sind.
Der kommende Winter muss deshalb keineswegs zu einem Versorgungskollaps führen. Auch ein rekordkalter Winter ist heute keine sichere Prognose. Europa geht jedoch mit einem deutlich kleineren Sicherheitspuffer in die kalte Jahreszeit, als es sich leisten sollte. Wenn die US-Diesel-Exporte eingeschränkt werden, die Route durch Hormus problematisch bleibt und die europäischen Lagerbestände weiter unter Druck geraten, wird aus einer politischen Fehlkalkulation sehr schnell ein wirtschaftliches Problem.
Die eigentliche Ironie besteht darin, dass Europa seine Abhängigkeit von Russland reduzieren wollte und dabei neue Abhängigkeiten geschaffen hat. Die Energie kommt jetzt aus Amerika, aus dem Nahen Osten und von anderen Märkten. Das funktioniert, solange alle liefern können und wollen. Washington verfolgt seine eigenen Interessen, die Golfstaaten ihre eigenen und die globalen Handelswege können durch einen einzigen Krieg empfindlich gestört werden.
Die EU hat einen Teil der alten Energieabhängigkeit abgeschüttelt und dafür ein System geschaffen, das auf einer Vielzahl funktionierender Lieferketten beruht. Das ist in guten Zeiten bequem. In schlechten Zeiten wird es teuer. Wenn der Winter tatsächlich härter ausfällt als von vielen Modellen erwartet, dürfte sich zeigen, wie viel von Europas neuer Energieordnung tatsächlich Sicherheit ist und wie viel davon die Hoffnung, dass schon nichts schiefgehen wird.
Europa sollte sich deshalb nicht darauf verlassen, dass der Winter mild bleibt und Amerika weiterhin zuverlässig Diesel liefert. Energiepolitik besteht nicht darin, für den Idealfall zu planen. Sie muss auch dann funktionieren, wenn das Wetter schlecht ist, Kriege Lieferwege blockieren und Verbündete plötzlich ihre eigenen Interessen verfolgen. Genau diese Realität scheint Brüssel bei seinem Abschied von russischer Energie lange unterschätzt zu haben.